a few things worth saying
 
some thoughts are better expressed in poetry than in long explanations. i have always admired those able to convey a whole universe in few lines
these are some of my favorite poems
 
 
 
 
 
 
heiteres
ringelnatz: die schnupftabakdose
ringelnatz: ein männlicher briefmark erlebte
morgenstern: das perlhuhn
morgenstern: gespräch einer haus-schnecke mit sich selbst
 
politisches
tucholsky: ideal und wirklichkeit
tucholsky: europa
 
nachdenkliches
kaléko: was man so braucht
kaléko: wegweiser
gernhard: ist doch so
rilke: der panther
kästner: sachliche romanze
kaléko: der kleine unterschied
kaléko: heimweh, wonach?
kaléko: der eremit
kaléko: begegnung im park
 
 
 
 
 
 
                                                            
 
 
heiteres
 
 
                                                            
 
 
 
 
 
die schnupftabakdose
 
es war eine schnupftabakdose
die hatte friedrich der große
sich selbst geschnitzt aus nussbaumholz.
und darauf war sie natürlich stolz.
 
da kam ein holzwurm gekrochen.
der hatte nussbaum gerochen.
die dose erzählte ihm lang und breit
von friedrich dem großen und seiner zeit.
 
sie nannte den alten fritz generös.
da aber wurde der holzwurm nervös
und sagte, indem er zu bohren begann:
»was geht mich friedrich der große an! «
 
joachim ringelnatz
 
 
 
 
 
 
                                                            
 
 
 
 
 
ein männlicher briefmark erlebte
 
ein männlicher briefmark erlebte
was schönes, bevor er klebte.
er war von einer prinzessin beleckt.
da war die liebe in ihm erweckt.
 
er wollte sie wiederküssen.
da hat er verreisen müssen.
so liebte er sie vergebens.
das ist die tragik des lebens!
 
joachim ringelnatz
 
 
 
 
 
 
                                                            
 
 
 
 
 
das perlhuhn
 
das perlhuhn zählt: eins, zwei, drei, vier...
was zählt es wohl, das gute tier,
dort unter den dunklen erlen?
es zählt, von wissensdrang gejückt,
(die es sowohl wie uns entzückt):
die anzahl seiner perlen.
 
christian morgenstern
 
 
 
 
 
 
                                                            
 
 
 
 
 
gespräch einer haus-schnecke mit sich selbst
 
soll i aus meim hause raus?
soll i aus meim hause nit raus?
einen schritt raus?
lieber nit raus?
hause nit raus -
hauseraus
hausenitraus
hausenaus
rauserauserauserause...
 
christian morgenstern
 
 
 
 
 
 
                                                            
 
 
politisches
 
 
                                                            
 
 
 
 
 
ideal und wirklichkeit
 
in stiller nacht und monogamen betten
denkst du dir aus, was dir am leben fehlt.
die nerven knistern. - wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
du präparierst dir im gedankengange
das, was du willst - und nachher kriegst das nie...
man möchte immer eine große lange,
und dann bekommt man eine kleine dicke –
c'est la vie -!
 
sie muß sich wie in einem kugellager
in ihren hüften biegen, groß und blond.
ein pfund zu wenig - und sie wäre mager,
wer je in diesen haaren sich gesonnt...
nachher erliegst du dem verfluchten hange,
der eile und der phantasie.
man möchte immer eine große lange,
und dann bekommt man eine kleine dicke –
ssälawih -!
 
man möchte eine helle pfeife kaufen
und kauft die dunkle - andere sind nicht da.
man möchte jeden morgen dauerlaufen
und tut es nicht. beinah ... beinah ...
wir dachten unter kaiserlichem zwange
an eine republik ... und nun ists die!
man möchte immer eine große lange,
und dann bekommt man eine kleine dicke –
ssälawih -!
 
kurt tucholsky
 
 
 
 
 
 
                                                            
 
 
 
 
 
europa
 
am rhein, da wächst ein süffiger wein –
der darf aber nicht nach england hinein –
buy british!
in wien gibt es herrliche torten und kuchen,
die haben in schweden nichts zu suchen –
köp svenska varor!
in italien verfaulen die apfelsinen –
laßt die deutsche landwirtschaft verdienen!
deutsche, kauft deutsche zitronen!
und auf jedem quadratkilometer raum
träumt einer seinen völkischen traum,
und leise flüstert der wind durch die bäume ...
räume sind schäume.
 
da liegt europa. wie sieht es aus?
wie ein bunt angestrichnes irrenhaus.
die nationen schuften auf rekord:
export! export!
die andern! die andern sollen kaufen!
die andern sollen die weine saufen!
die andern sollen die schiffe heuern!
die andern sollen die kohlen verfeuern!
wir?
zollhaus, grenzpfahl und einfuhrschein:
wir lassen nicht das geringste herein.
wir nicht. wir haben ein ideal:
wir hungern. aber streng national.
fahnen und hymnen an allen ecken.
europa? europa soll doch verrecken!
und wenn alles der pleite entgegentreibt:
dass nur die nation erhalten bleibt!
menschen braucht es nicht mehr zu geben.
england! polen! italien muß leben!
der staat frißt uns auf. ein gespenst. ein begriff.
der staat, das ist ein ding mitm pfiff.
das ding ragt auf bis zu den sternen –
von dem kann noch die kirche was lernen.
jeder soll kaufen. niemand kann kaufen.
es rauchen die völkischen scheiterhaufen.
es lodern die völkischen opferfeuer:
der sinn des lebens ist die steuer!
der himmel sei unser konkursverwalter!
die neuzeit tanzt als mittelalter.
 
die nation ist das achte sakrament –!
gott segne diesen kontinent.
 
kurt tucholsky / theobald tiger
 
 
 
 
 
 
                                                            
 
 
nachdenkliches
 
 
                                                            
 
 
 
 
 
was man so braucht…
 
man braucht nur eine insel
allein im weiten meer.
man braucht nur einen menschen
den aber braucht man sehr.
 
mascha kaléko
 
 
 
 
 
 
                                                            
 
 
 
 
 
wegweiser
 
am kreuzweg fragte er die sphinx:
geh ich nach rechts, geh ich nach links?
sie lächelte: „du wählst die bahn,
die dir bestimmt ward in dem plan,
links braust der sturm, rechts heult der wind,
du findest heim ins labyrinth.
mascha kaléko
 
 
 
 
 
 
                                                            
 
 
 
 
 
ist doch so
 
erfolg tut gut.
was leider meint:
der misserfolg tut schlecht.
(als trost sei rasch hinzugefügt:
mag sein, dass dich erfolg belügt –
dein misserfolg ist echt.)
robert gernhardt
 
 
 
 
 
 
                                                            
 
 
 
 
 
der panther
 
sein blick ist vom vorübergehn der stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
ihm ist, als ob es tausend stäbe gäbe
und hinter tausend stäben keine welt.
 
der weiche gang geschmeidig starker schritte,
der sich im allerkleinsten kreise dreht,
ist wie ein tanz von kraft um eine mitte,
in der betäubt ein großer wille steht.
 
nur manchmal schiebt der vorhang der pupille
sich lautlos auf -. dann geht ein bild hinein,
geht durch der glieder angespannte stille -
und hört im herzen auf zu sein.
 
rainer maria rilke
 
 
 
 
 
 
                                                            
 
 
 
 
 
sachliche romanze
 
als sie einander acht jahre kannten
(und man darf sagen sie kannten sich gut),
kam ihre liebe plötzlich abhanden.
wie andern leuten ein stock oder hut.
 
sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
da weinte sie schließlich. und er stand dabei.
 
vom fenster aus konnte man schiffen winken.
er sagt, es wäre schon viertel nach vier
und zeit, irgendwo kaffee zu trinken.
nebenan übte ein mensch klavier.
 
sie gingen ins kleinste café am ort
und rührten in ihren tassen.
am abend saßen sie immer noch dort.
sie sassen allein, und sie sprachen kein wort
und konnten es einfach nicht fassen.
 
erich kästner
 
 
 
 
 
 
                                                            
 
 
 
 
 
der kleine unterschied
 
es sprach zum mister goodwill
ein deutscher emigrant:
»gewiß, es bleibt dasselbe,
sag ich nun land statt land,
sag ich für heimat homeland
und poem für gedicht.
gewiß, ich bin sehr happy:
doch glücklich bin ich nicht.«
 
mascha kaléko
 
 
 
 
 
 
                                                            
 
 
 
 
 
heimweh, wonach?
 
wenn ich »heimweh« sage, sag ich »traum«.
denn die alte heimat gibt es kaum.
wenn ich heimweh sage, mein ich viel:
was uns lange drückte im exil.
fremde sind wir nun im heimatort.
nur das »weh«, es blieb.
das »heim« ist fort.
 
mascha kaléko
 
 
 
 
 
 
                                                            
 
 
 
 
 
der eremit
 
sie warfen nach ihm mit steinen.
er lächelte mitten im schmerz.
er wollte nur sein, nicht scheinen.
es sah ihm keiner ins herz.
 
es hörte ihn keiner weinen,
er zog in die wüste hinaus -
sie warfen nach ihm mit steinen.
er baute aus ihnen sein haus.
 
mascha kaléko
 
 
 
 
 
 
                                                            
 
 
 
 
 
begegnung im park
 
wenn es mich überkommt,
sagte der alte,
und an gründen mangelt es nicht,
red ich mir zu: getrost, alter narr,
noch ein jährchen, noch zweie.
 
da flog das liebespaar vorüber.
in einer kapsel von glück.
 
er schwieg ihnen lange nach.
die armen, sagte er, die armen!
 
dann erhob sich sein kopf und ging schüttelnd mit ihm davon.
 
mascha kaléko